Trauma und Kontrollverlust – existiert Sicherheit?
Schafft Kontrolle echte Sicherheit?
Das Bedürfnis nach Kontrolle ist ein wesentlicher Bestandteil menschlicher Selbstregulation. Es dient als internes Ordnungssystem und allgemein als Grundlage für das Erleben von Sicherheit. Ohne ein gewisses Maß an Kontrolle über die eigene Umgebung und das eigene Verhalten ist psychische Stabilität kaum möglich.
Sicherheit wiederum entsteht nicht allein durch äußere Faktoren, sondern durch eine komplexe Wechselwirkung zwischen internen Zuständen und äußeren Rahmenbedingungen. Dabei ist Kontrolle ein Schlüsselfaktor, der jedoch individuell sehr unterschiedlich gewichtet wird.
Erlebter Kontrollverlust und seine Langzeitwirkungen
Trauma zu erleben (hier kommst Du zum Artikel: Was ist Bindungstrauma?) bedeutet Kontrollverlust.
Menschen, die eine traumatische Erfahrung gemacht haben – gleich ob akut oder als Bindungstrauma, erfahren einen Zustand, in dem sie keinen Einfluss mehr auf das eigene Erleben oder die Situation hatten. Dieser Kontrollverlust wird nicht nur kognitiv, sondern auch im Nervensystem und in den Zellen gespeichert.
In der Folge entsteht häufig ein vermehrtes Bedürfnis nach Kontrolle. Betroffene versuchen, ihr Leben so zu organisieren, dass Unsicherheiten möglichst ausgeschlossen werden, um einen erneuten Kontrollverlust zu vermeiden. Das äußert sich zum Beispiel in rigiden Tagesstrukturen, ständiger Analyse des sozialen Umfelds oder im Versuch, zwischenmenschliche Dynamiken durch angepasstes Verhalten zu steuern.
Empathie oder Kontrolle?
Kontrolle wird dabei oft mit Empathie verwechselt: Wer ständig versucht, die Gedanken oder Stimmungen anderer wahrzunehmen, reagiert nicht zwingend mitfühlend, sondern vorsorglich – aus Angst.
Der Preis ist hoch:
- chronische innere Anspannung
- Erschöpfung
- reduzierte Selbstwahrnehmung
- Selbstverlust
Diese Art Strategien sind selten bewusst gewählt. Sie entstehen als Schutzmechanismus und führen oft zu einer paradoxen Situation: Je mehr Kontrolle angestrebt wird, desto weniger tatsächliche Kontrolle bleibt übrig. Denn je enger das Leben organisiert wird, desto störanfälliger wird es für unvorhergesehene Ereignisse und desto größer ist die Reaktion auf minimale Abweichungen.
(Hier kommst Du zum Artikel: Hochsensibilität oder Hypervigilanz?)
Die Differenz zwischen Handlung und Illusion
Dabei ist es entscheidend, zwischen dem zu unterscheiden, was tatsächlich kontrollierbar ist, und dem, was der Illusion von Kontrolle unterliegt. Es ist nicht möglich, andere Menschen zu kontrollieren – weder ihre Gefühle noch ihre Bewertungen. Es ist ebenso wenig möglich, Gedanken vollständig zu steuern oder die Zukunft vorherzusehen. Was jedoch beeinflussbar bleibt, ist das eigene Verhalten, die eigene Perspektive und Wahrnehmung der Welt. Darin liegt ein sinnvoller Ansatzpunkt für echte Veränderung.
In der Praxis ist es hilfreich, die Aufmerksamkeit auf die Bereiche zu lenken, in denen Handlungsspielraum besteht. Das reduziert Stress, entlastet kognitive Ressourcen und stärkt die Selbstwirksamkeit. Gleichzeitig erfordert es die Bereitschaft und den Mut, Unkontrollierbares loszulassen.
Ein zentraler Gedanke dabei: Nicht alles muss unter Kontrolle gebracht werden. Ein gesundes Maß an Kontrolle dient der Stabilisierung – ein übersteigertes Maß jedoch unterminiert sie. Die richtige Balance muss gefunden werden.
Kontrolle im Alltag: funktional oder zwanghaft?
Der Wunsch nach Kontrolle zeigt sich nicht nur in konkreten Handlungen, sondern auch in subtilen, alltäglichen Mustern:
- ständiges Nachfragen und absichern
- das Bedürfnis nach Vorhersehbarkeit
- übermäßiges Planen
- Vermeidung von Überraschungen
All diese Strategien sind nicht per se problematisch, erst ihre Intensität und Unflexibilität machen sie zu einer Belastung, bis hin zu Zwangshandlungen und Zwangsgedanken, die den Alltag bestimmen und massiven Einfluss auf alle Beziehungen nehmen.
Zwanghafte Kontrolle ist nicht dasselbe wie eine gesunde Selbstführung. Es ist die Angst vor Kontrollverlust, nicht das Ziel, die Kontrolle zu bewahren, die das System destabilisiert. Die Frage lautet also nicht: Habe ich genug Kontrolle? Sondern: Wovor schützt mich mein Kontrollverhalten?
Neurobiologie der Kontrollverarbeitung
Neurobiologisch betrachtet aktiviert Kontrollverlust das Angstzentrum im limbischen System, insbesondere die Amygdala. Gleichzeitig wird der präfrontale Kortex, zuständig für rationale Entscheidungen, in Stresssituationen gehemmt. Das führt zu reflexhaftem Verhalten, Denkblockaden und einer eingeschränkten Fähigkeit zur Perspektivübernahme.
Impulse übernehmen die Führung, Emotionen können nicht mehr gesteuert werden.
In der Hypnose gelingt es, diesen Kreislauf zu unterbrechen. Die tiefe Entspannung aktiviert den parasympathischen Anteil des autonomen Nervensystems. Das reduziert die Reizverarbeitung, senkt die innere Alarmbereitschaft und schafft den Boden für perspektivische Neubewertung. Aus Reaktion kann Handlung werden. Eine neue Erfahrung kann etabliert und umsetzbar gemacht werden.
Funktionale Kontrolle: der sinnvolle Rest
Ein vollständiger Kontrollverzicht ist weder realistisch noch sinnvoll. Ein gewisses Maß an Vorhersehbarkeit ist notwendig, um Struktur und Orientierung zu behalten, insbesondere bei psychischer Belastung. Doch funktionale Kontrolle unterscheidet sich von dysfunktionalem Kontrollverhalten durch ihre Flexibilität: Sie erlaubt Abweichung, kennt Grenzen und findet Mut und Neugierde um Unbekanntes zu erforschen und zu akzeptieren.
Wer beginnt, Kontrolle selektiv anzuwenden, dort, wo sie möglich und hilfreich ist, schafft Raum für Entwicklung. Das bedeutet nicht, Unsicherheit zu ignorieren, sondern mit ihr leben zu lernen. Im Hypnoseprozess wird dies zur zentralen Kompetenz: mit dem Unerwarteten in Kontakt zu kommen und dies als sicher zu erfahren.
Steuerung beginnt mit der Anerkennung von Grenzen
Die Illusion vollständiger Kontrolle ist menschlich – aber sie bleibt eine Illusion. Psychische Gesundheit entsteht nicht durch totale Kontrolle, sondern durch die Fähigkeit, Unsicherheit zu regulieren. Hypnotherapeutische Verfahren bieten einen Zugang, um diese Regulation neu zu lernen – körperlich, emotional und kognitiv.
Die Arbeit mit dem Kontrollbedürfnis ist kein Verzicht, sondern eine Umstrukturierung: Weg von der Kompensation über Kontrolle, hin zu echter Einflussnahme im eigenen Erleben. Dort, wo Einfluss real möglich ist, im Unterbewusstsein.